Die Speicherkrise – und worüber keiner spricht
Arbeitsspeicher kostet heute ein Vielfaches von dem, was er vor einem Jahr gekostet hat. Überall wird darüber geschrieben, woher man noch welchen bekommt und wer daran schuld ist. Eine Frage stellt dabei fast niemand: Warum brauchen wir eigentlich immer mehr davon?
Die Preise für Arbeitsspeicher liegen beim Drei- bis Viereinhalbfachen des Vorjahres, weil die drei großen Hersteller ihre Fertigung auf Rechenzentren ausgerichtet haben. Wer ein sparsames System betreibt, muss aber gar nichts kaufen – und dann geht ihn die ganze Krise nichts an. Genau darüber redet kaum jemand.
Was tatsächlich passiert ist
Erst die Fakten, damit wir über dasselbe reden. Im Herbst 2025 haben große Lieferverträge zwischen KI-Konzernen und den Herstellern Samsung und SK Hynix einen erheblichen Teil der weltweiten Speicherproduktion für Jahre verplant. Drei Hersteller decken zusammen praktisch die gesamte Weltproduktion ab, und alle drei verdienen an Speicher für Rechenzentren mehr als an dem, was in deinem Rechner steckt. Sie folgen dem Geld. Das ist an sich kein Skandal, das ist reine Betriebswirtschaft.
Wohin der Speicher geht
Rechenzentren beanspruchen 2026 nach Erhebung des Marktforschers TrendForce rund 70 Prozent der hochwertigen Speicherfertigung. SK Hynix hat seine Kapazitäten für dieses Jahr bereits im Oktober 2025 als ausverkauft gemeldet – ein Jahr im Voraus. Inzwischen verkaufen die Hersteller Kapazität für 2027 und 2028.
Wie das im Gelände aussieht, kann man im Rheinischen Revier besichtigen. Seit dem Spatenstich am 12. März 2026 baut Microsoft dort in Bergheim, Bedburg und Elsdorf drei Rechenzentren; ein viertes Gelände in Grevenbroich ist unter Vorbehalt gekauft, bislang Ackerland. Was für den Boden gezahlt wurde, steht in keiner Pressemitteilung.
| Investition: | 3,2 Milliarden Euro – die größte in der deutschen Geschichte des Konzerns. Enthalten sind neben den drei Standorten auch ein Standort in Hessen und Schulungsprogramme. |
| Fläche: | 20 Hektar in Bergheim, 50 Hektar in Bedburg, dazu 23 Hektar Ackerland in Grevenbroich |
| Kaufpreis: | nicht veröffentlicht |
| Dauerhafte Stellen: | 150 in Bergheim, 300 in Bedburg – Schätzungen der Bürgermeister. Microsoft selbst spricht von „mehreren Hundert“. |
| Macht: | rund 7 Millionen Euro je Dauerarbeitsplatz – und das ist die günstige Rechnung, weil ein Teil der Summe gar nicht ins Revier fließt |
Warum zahlt jemand freiwillig das Vierfache?
Weil der Speicher in dieser Rechnung eine Nebenposition ist. Die großen Cloud-Anbieter sichern sich ihre Mengen über langfristige Lieferverträge und bieten sich dabei gegenseitig hoch: Allein im ersten Quartal 2026 stiegen die Vertragspreise für Serverspeicher um rund 90 Prozent gegenüber dem Vorquartal – der stärkste Sprung, den dieser Markt je gesehen hat. Wer da nicht mitbietet, bekommt keine Chips, und ohne Chips steht die Halle leer, für die Grundstück, Stromanschluss und Kühlung längst bezahlt sind. Knapp ist in dieser Rechnung nicht das Geld, knapp sind Chips, Netzanschluss und Zeit. Wer zuerst Kapazität hat, verkauft sie – wer wartet, bis der Speicher wieder billiger ist, verkauft gar nichts. Ob die Wette am Ende aufgeht, weiß heute niemand. Eingegangen wird sie trotzdem, denn nicht mitzubieten hieße auszusteigen.
Was vor Ort ankommt
Der Ministerpräsident sprach beim Spatenstich von einem starken Impuls für Innovationen, neue Arbeitsplätze und Wohlstand. Rechnet man die 3,2 Milliarden auf die 450 Stellen um, mit denen die beiden Bürgermeister rechnen, landet man bei rund sieben Millionen Euro je Arbeitsplatz. Das liegt nicht an schlechter Planung, sondern an der Sache selbst: Eine Halle voller Schränke braucht keine Belegschaft, sie braucht Strom. Die Hoffnung der Kommunen liegt denn auch woanders – auf jeweils rund 2.500 Stellen bei Firmen, die sich später im Umfeld ansiedeln sollen. Das kann kommen. Versprochen ist es nicht.
Die Preise im deutschen Einzelhandel
So weit die Ursache. Und so sieht die Wirkung dort aus, wo du und ich einkaufen:
| DDR5 (Desktop) | rund 450 % | |
|---|---|---|
| SO-DIMM (Notebook) | 375 % | |
| DDR4 (Desktop) | 324 % | |
| Grafikkarten | 116 % | |
| Stand vor der Krise | 100 % |
Es trifft also nicht nur den neuen Speicher. Auch der alte DDR4 kostet das gut Dreifache, weil die Hersteller diese Fertigungslinien abbauen, während Millionen Bestandsrechner weiterhin damit laufen. Selbst DDR2 aus dem Jahr 2003 ist inzwischen knapp. Und Speicher ist längst keine Randposition mehr in der Kalkulation: Laut HP machen Speicher und Datenträger rund 35 Prozent der Materialkosten eines PCs aus – ein Quartal zuvor waren es noch 15 bis 18 Prozent. Gartner rechnet für 2026 mit etwa 17 Prozent höheren Rechnerpreisen und dem stärksten Absatzrückgang seit über einem Jahrzehnt. Vor 2027, eher 2028, erwartet niemand ernsthaft Entspannung.
Was das in Euro bedeutet
Prozente sind abstrakt, also Zahlen aus dem Preisvergleich:
| 32 GB DDR4-3200 | 45 → 200 € | |
|---|---|---|
| 32 GB DDR5-6000 | 90 → 425 € | |
| 64 GB DDR5 | 220 → 800 € |
Jetzt das Gerät, das bei mir am häufigsten auf der Werkbank steht: ein Notebook von 2017, acht Gigabyte Arbeitsspeicher, zwei Steckplätze, DDR4 als SO-DIMM. Für Notebook-Speicher liegt das Preisniveau beim 3,75-fachen des Vorjahres. Das Aufrüsten auf sechzehn Gigabyte kostet also ungefähr das Vierfache dessen, was im Sommer 2025 dafür fällig gewesen wäre – bei einem Gerät, dessen Gebrauchtwert in derselben Zeit weiter gefallen ist. Man baut Material ein, das mehr wert ist als der Rechner drumherum. Spätestens da fängt ein Handwerker an zu rechnen, statt zu bestellen.
Warum in meiner Werkstatt trotzdem niedriger Puls herrscht
Seit dem Beginn der Krise habe ich deswegen an meiner Arbeit nichts geändert. Kein Kunde musste teuren Speicher nachkaufen, kein Gerät wurde deswegen ausgemustert. Das liegt nicht an geschicktem Einkauf. Es liegt daran, dass der Bedarf gar nicht erst entsteht: Ob du Speicher kaufen musst, entscheidet nicht der Weltmarkt, sondern die Software, die auf deinem Rechner läuft.
| Windows 11 | ca. 3,5 GB | |
|---|---|---|
| Ubuntu (GNOME) | ca. 1,8 GB | |
| Linux Mint XFCE | ca. 0,7 GB | |
| Debian, schlank | ca. 0,4 GB |
Zwischen der ersten und der letzten Zeile liegen rund drei Gigabyte. Drei Gigabyte, die im Sommer 2025 ein paar Euro gekostet hätten und heute darüber entscheiden, ob ein Rechner weiterläuft oder ersetzt wird. Bei einem Notebook mit vier Gigabyte fest verlötetem Speicher ist das keine Frage von Komfort, sondern von Weiterbenutzen oder Wegwerfen.
Der Denkfehler steckt tiefer
Wir haben uns über zwanzig Jahre daran gewöhnt, dass verschwenderische Software folgenlos bleibt, weil Speicher ja nichts kostet. Ein Programm braucht ein Gigabyte für eine Aufgabe, die früher mit fünfzig Megabyte erledigt war? Dann kauft man eben mehr Speicher. Der Nachschub an Hardware war der Puffer, der die Nachlässigkeit unsichtbar gemacht hat.
Dieser Puffer ist weg. Zum ersten Mal seit langem hat Verschwendung wieder einen Preis, und den zahlen nicht die Hersteller der Software, sondern die Leute davor. Deshalb ärgert mich die öffentliche Debatte: Sie behandelt ein Nachfrageproblem als reines Angebotsproblem. Alle fragen, woher man mehr bekommt. Kaum jemand fragt, warum man so viel braucht.
Die Speicherkrise ist für die meisten Privatleute keine Preisfrage, sondern eine Softwarefrage. Wer nichts kaufen muss, der ist von der Krise völlig unbetroffen.
Ehrlich bleiben: wo Linux nicht hilft
Drei Dinge, die ich am Tresen genauso sage:
- Linux ist nicht automatisch sparsam. Ubuntu 26.04 empfiehlt sechs Gigabyte Arbeitsspeicher und liegt damit über der Mindestanforderung von Windows 11. Sparsam ist nicht „Linux“, sparsam ist eine passend gewählte Oberfläche. Für ältere Geräte kommen deshalb schlanke Oberflächen wie XFCE auf die Platte, keine schweren Standardsysteme.
- Der Webbrowser frisst alles auf. Zwanzig offene Reiter kosten unter jedem System Speicher. Ein schlankes Fundament verschafft Luft, es hebt die Grenze nicht auf.
- Manchmal geht es ohne Aufrüsten nicht. Videoschnitt, große Tabellen, virtuelle Maschinen – dafür braucht es Speicher, Punkt. Dann wird gekauft, möglichst gebraucht und passend zum vorhandenen Mainboard. Das sollte nur die Ausnahme sein und nicht der Normalfall.
Was ich an deiner Stelle täte
- Nicht aus Panik kaufen. Wer nicht dringend Speicher braucht, wartet ab – vor 2028 erwartet niemand eine echte Entspannung.
- Erst messen, dann bestellen. Schau nach, wie viel Speicher wirklich belegt ist und wodurch. Oft ist nicht zu wenig Speicher da, sondern zu viel Mitläufer-Software.
- Wenn doch aufgerüstet wird: gebraucht und passend. Module aus abgemeldeten Geräten sind der ruhigste Teil dieses Marktes.
- Und die unbequeme Frage stellen: Wäre ein sparsameres System nicht die langlebigere Antwort als noch ein Riegel Speicher?
Wie viel Arbeitsspeicher braucht man denn wirklich?
Warum wird auch der alte DDR4 teurer, den doch keiner mehr will?
Zum Schluss
Was mich an dieser Debatte am meisten stört: Sie nimmt den Preis als Naturgesetz und die Verschwendung als gegeben. Beides sind Entscheidungen. Die eine treffen drei Konzerne in Südkorea und Amerika, die andere triffst du – jedes Mal, wenn du entscheidest, was auf deinem Rechner läuft. Ein funktionierendes Gerät wegen einer Softwareanforderung zu ersetzen, war schon vorher unvernünftig. Jetzt ist es zusätzlich teuer.
Quellen
Alle Zahlen sind Momentaufnahmen aus dem Juli 2026. Wer das später liest, prüft besser nach – die Quellen stehen deshalb vollständig hier:
- Preisniveau im Einzelhandel: Speicherkrisen-Preisindex Juli 2026, 3DCenter.org, erhoben über den Geizhals-Preisvergleich, Basis Juli 2025.
- Einzelpreise für Speicherbausätze: PC Games Hardware, Preisübersicht Mai 2026; Knappheit bis hinunter zu DDR2: dieselbe Redaktion, Juni 2026, auf Basis einer TrendForce-Analyse.
- Anteil des Speichers an den PC-Materialkosten: Quartalsbericht von HP Inc. vom 25. Februar 2026, Aussage der Finanzvorständin Karen Parkhill – zusammengefasst bei Engadget.
- Prognose zu Gerätepreisen und Absatz: Gartner, Februar 2026 – Zusammenfassung bei connect professional.
- Vertragspreise für Serverspeicher und Verteilung der Fertigung: TrendForce, Februar 2026 und TrendForce, März 2026; Kapazitätsverkäufe für 2027 und 2028 nach einem Bericht des Wall Street Journal, Januar 2026.
- Rechenzentren im Rheinischen Revier: Pressemitteilung des Landes Nordrhein-Westfalen zum Spatenstich vom 12. März 2026, Mitteilungen der Städte Bergheim und Bedburg sowie von Microsoft; Flächen, Stellenschätzungen und viertes Grundstück nach dpa-Meldungen vom März und Juli 2026, unter anderem bei heise online.
- Systemanforderungen: Angaben von Canonical zu Ubuntu 26.04 LTS und von Microsoft zu Windows 11.
- Speicherbedarf im Leerlauf: eigene Richtwerte aus der Werkstatt, keine Laborbedingungen.
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