Nicht dein Rechner ist zu alt - "die Liste" bestimmt es
Im Oktober 2025 sollte für Windows 10 endgültig Schluss sein. Dann wurde daraus Oktober 2026. Seit Ende Juni heißt es Oktober 2027. Dreimal dasselbe Ende, dreimal ein anderes Datum – und genau das sagt mehr über die Sache aus als jede Systemanforderung.
Das Support-Ende von Windows 10 war nie ein technischer Zeitpunkt. Es ist eine unternehmerische Entscheidung, und sie wurde zweimal verschoben. Wer gekauft hat, um die Anforderungen von 2021 zu erfüllen, steht vor der nächsten Stufe von 2024 schon wieder unter der Traufe. Die Frage ist also nicht, ob dein Gerät zu alt ist. Die Frage ist, wer das bestimmt.
Ein Ende, drei Termine
Der reguläre Support endete am 14. Oktober 2025. Seither gibt es für Privatgeräte ein Übergangsprogramm mit weiteren Sicherheitsupdates – Microsoft nennt es ESU, „Extended Security Updates“. Im Europäischen Wirtschaftsraum ist es kostenlos, allerdings erst, nachdem Verbraucherschützer die geplante Kopplung an kostenpflichtige Cloud-Speicher oder Bonuspunkte beanstandet hatten.[1] Ende Juni 2026 wurde die Frist dann noch einmal verlängert – nicht mit einer Ankündigung, sondern lediglich über eine aktualisierte Zeile in einem bestehenden Supportbeitrag.[2]
14. Oktober 2025(gestrichen)
das ursprüngliche Ende, 2021 als endgültig angekündigt – Millionen Kaufentscheidungen richteten sich danach13. Oktober 2026(gestrichen)
erste Verlängerung – das Zusatzjahr war geplant, kostenlos und ohne Gegenleistung wurde es im Europäischen Wirtschaftsraum erst nach Einwänden der Verbraucherschützer- 12. Oktober 2027
zweite Verlängerung, kommentarloser Nachtrag im Juni 2026
Das ESU-Programm liefert Sicherheitsupdates – keine Funktionen, keine Fehlerbehebung, keinen Support. Voraussetzung ist ein dauerhaft verknüpftes Microsoft-Konto; wer sich abmeldet, bekommt schlicht keine Updates mehr.[1]
Zwischen dem ersten und dem bislang letzten Termin liegen zwei Jahre. Wer im Herbst 2025 gekauft hat, weil die Zeit angeblich ablief, hat womöglich zwei Jahre zu früh gekauft. Ein Datum, das sich unter öffentlichem Druck zweimal bewegt, war nie eine technische Größe. Es war immer eine Entscheidung – und Entscheidungen lassen sich durchaus ändern, wie sich gezeigt hat.
Die Latte wandert mit
Dasselbe gilt für die Anforderungen. Windows 11 verlangt seit 2021 zwingend ein TPM-Modul, aktiviertes Secure Boot und einen Prozessor von einer Liste, die grob bei den Baujahren ab 2018 beginnt – auch diese Liste wurde nachträglich schon einmal umgeschrieben.[3] Die nächste Stufe steht bereits: Copilot+.
Copilot ist Microsofts KI-Assistent, der standardmäßig im gesamten System mitläuft – in Windows, Office und im Browser – und auf Zuruf Texte schreibt oder Fragen beantwortet. Copilot+ ist etwas ganz anderes: keine Software, sondern eine von Microsoft eigens definierte Geräteklasse. Solche Rechner haben einen zusätzlichen Rechenbaustein für KI-Aufgaben – in den Datenblättern heißt er „NPU“ –, damit die Berechnungen auf dem Gerät stattfinden statt im Rechenzentrum. Erst diese Hardware schaltet Funktionen wie die Bildschirm-Aufzeichnung „Recall“ frei, die fortlaufend Bildschirmfotos anlegt und durchsuchbar macht – eine Funktion, die Microsoft nach massiver Kritik von Sicherheitsforschern erst zurückziehen und absichern musste, bevor sie erscheinen durfte.[4]
Die Eintrittskarte in diese Klasse ist ein KI-Baustein mit mindestens 40 Billionen Rechenschritten pro Sekunde – in der Werbung steht dafür „40 TOPS“ –, dazu 16 Gigabyte Arbeitsspeicher und eine 256 Gigabyte große SSD.[5] Kein Rechner von 2022 hat so einen Baustein. Er wurde damals schlicht noch nicht verbaut.
| Windows 10 (2015) | 2 / 32 GB | |
|---|---|---|
| Windows 11 (2021) | 4 / 64 GB | |
| Copilot+ (ab 2024) | 16 / 256 GB |
In neun Jahren achtfache Systemanforderungen - bei Arbeitsspeicher und Festplatte gleichermaßen. Dass Software wächst, ist dabei nicht das Erstaunliche – das war leider schon immer so. Erstaunlich ist der Takt: Die dritte Linie war gezogen, bevor die zweite abgearbeitet war. Wer 2022 gekauft hat, um die Anforderungen von 2021 zu erfüllen, erfüllt die von 2024 schon nicht mehr.
Ob ein Rechner "aktuell" ist, entscheidet also nicht sein Alter. Es entscheidet sich dort, wo jemand anders die Linie zieht.
Der Moment, an dem es mir aufgefallen ist
Manchmal merkt man den Kurs nicht an den großen Zahlen, sondern an einer Kleinigkeit auf der Werkbank. Bei mir war es der Installationsstick: Das aktuelle Windows-Abbild passt auf keinen Stanard USB-Stick mit 8GB Speicher. Und die größte Einzeldatei darin sprengt das Dateisystem mit dem USB-Sticks üblicherweise formatiert sind; Bei FAT32 ist bei vier Gigabyte pro Datei Schluss. Microsoft liefert in der eigenen Dokumentation freundlicherweise gleich die Anleitung mit: Wie man die Datei aufteilt, damit sie zumindest noch auf die nächst größeren Sticks mit 16GB passt.[6] Daneben liegt bei mir ein Linux-Abbild, das sogar mehrfach auf eine DVD (4,7 GB) geht.
Woher das Wachstum kommt, lässt sich zumindest an einer Stelle beziffern: Windows bringt inzwischen in der Standard-Installation KI-Modelle mit, deren Berechnungen mit Strom und Ressourcen des Endkunden laufen. Allein Phi Silica, das Sprachmodell fürs Zusammenfassen und Umschreiben von Texten, belegt knapp 2,6 Gigabyte. Seit Juni erprobt Microsoft eine Schaltfläche, mit der man solche Bestandteile wieder loswird.[7] Einen Ausbau-Knopf baut man nur ein, wenn man weiß, dass das Eingebaute stört, oder nicht? Wie viel vom gesamten Wachstum auf die KI entfällt, legt Microsoft nicht offen – dieser Teil jedenfalls ist nachweisbar, und er landet ungefragt auch auf Geräten, die gar keine KI-Hardware haben.
Warum macht ein Konzern das?
Die Frage höre ich in der Werkstatt regelmäßig. Drei Erklärungen bieten sich an, und man muss sie einzeln prüfen.
Das Sicherheitsargument
TPM-Modul und Secure Boot ermöglichen Verschlüsselung und Manipulationsschutz, die Software allein nicht nachbilden kann. Das ist echt – und für Firmen mit hunderten Geräten und Haftungsfragen gewichtig. Nur: Wie viel "Sicherheit" braucht jemand, der zu Hause Mails liest und Fotos sortiert? Und zwei Fakten passen auffallend schlecht zum Sicherheits-Etikett. Beide stammen von Microsoft selbst:
Erstens stand von 2021 bis Anfang 2025 in Microsofts eigener Dokumentation ein Registry-Eintrag, der die Prüfung auf TPM 2.0 und Prozessorliste überspringt – Windows 11 installiert sich damit auch auf Geräten, die offiziell durchfallen. Ausgerechnet kurz vor dem Windows-10-Ende wurde die Anleitung stillschweigend entfernt; der Schalter selbst funktioniert weiter.[8] Ein System, das gut drei Jahre lang mit Wissen des Herstellers auf den ausgeschlossenen Geräten lief, macht aus der Liste das, was sie ist: eine Festlegung, keine Physik.
Zweitens ist dieselbe Sicherheit, die dem Privatgerät nicht mehr zusteht, anderswo schlicht eine Preisfrage. Firmen und Behörden können Windows-10-Updates bis Oktober 2028 kaufen, zu Gebühren, die sich jedes Jahr verdoppeln.[9] Und eine Industrievariante desselben Systems – gedacht für Kassen, Geldautomaten, Medizingeräte – pflegt Microsoft bis Januar 2032.[10] Dieselben Lücken, dieselben Patches, verschieden lange Fristen. Der Unterschied ist nicht die Technik. Der Unterschied ist das Preisschild.
Unsicher ist also eben nicht das Gerät. Dieselben Rechner, die auf der Prozessorliste fehlen, bekommen unter Linux jedes Sicherheitsupdate, verschlüsseln ihre Festplatte (ohne TPM zumindest softwareseitig) und erledigen Onlinebanking. Unsicher ist, was der Hersteller darauf noch unterstützen möchte – und statt eines ehrlichen, abgespeckten Betriebsmodus für ältere Geräte gab es eine pauschale Kaufempfehlung.
Das Wellengeschäft
Jeder Windows-Wechsel hat eine Kaufwelle ausgelöst – bei XP, bei 7, bei 10, jetzt wieder. Das ist kein Nebeneffekt, das ist der Rhythmus dieses Geschäfts: Man setzt ein Enddatum, und der Handel verkauft. Diesmal lässt sich die Welle in Microsofts eigenen Büchern besichtigen: Im Quartal des ursprünglichen Support-Endes stiegen die Lizenzeinnahmen von Geräteherstellern um 18 Prozent – begründet, wörtlich, mit "der Nachfrage vor dem Windows-10-Ende".[11] Ein Quartal später: plus 1 Prozent. Danach: minus 2.[12] Eine Welle eben – und die nächste ist mit Copilot+ bereits angelegt. Nur trägt sie den Konzern längst nicht mehr: Die gesamte Sparte, in der Windows steckt, setzte in jenem Quartal 13,8 Milliarden Dollar um, die Cloud-Sparte allein 49,1, das Geschäftsjahr endete bei 331,8 Milliarden.[12] Die Wellen sind einkalkuliert, und sie werden wiederkommen.
Das Konto
Das andere ist das Konto. Die kostenlosen Sicherheitsupdates gibt es ausschließlich mit einem Microsoft-Konto, und sie versiegen exakt in dem Moment, in dem man sich vom Gerät abmeldet.[1] Ein Betriebssystem, das man einmal gekauft hat, wird damit zu einem Zugang, den man behält, solange man angemeldet bleibt. Windows war einst Produkt; nun ist es eine Mitgliedschaft.
Und eine Mitgliedschaft lohnt sich vor allem für den, der sie ausstellt. Das Konto ist der direkte Anschluss an OneDrive, Microsoft 365 und Copilot – Cloud- und KI-Abonnements, die das System an vielen Stellen unaufgefordert anbietet. Seit 2024 liegen zwischen den „Empfehlungen“ des Startmenüs zudem Apps aus dem Store, die dort niemand installiert hat: Werbeplätze, ab Werk eingeschaltet; abschalten lässt sich das in den Einstellungen – wenn man weiß, wo.[13]
Nur der Elektroschrott taucht in dieser Rechnung nirgends auf. Er ist nichteinmal Absicht, er ist einfach ein Kostenstelle, die bequemerweise bei jemand anderem anfällt: beim Besitzer, beim Wertstoffhof, bei der Kommune. Nichts davon steht in einer Bilanz in Redmond. Ist das nicht großartig?
Was das an Geräten kostet
rund 40 % aller weltweit genutzten PCs erfüllen die Anforderungen von Windows 11 nicht – schätzt die amerikanische Verbraucherorganisation PIRG.[14]
Wie viele Geräte das absolut sind, weiß niemand genau:
| Right to Repair Europe: | rund 400 Millionen Geräte weltweit; daraus könnten über 700 Millionen Kilogramm zusätzlicher Elektroschrott entstehen[15] |
| Canalys: | bis zu 240 Millionen funktionstüchtige Geräte[16] |
| Deutschland: | über 30 Millionen Rechner liefen zuletzt noch mit Windows 10[1] |
Das sind Schätzungen von Organisationen mit einer klaren Position, keine konkreten Zählungen – das gehört dazugesagt. Und nicht jedes betroffene Gerät landet im Müll: Viele laufen weiter, weil sie ein anderes System bekommen. Aber selbst der vorsichtigste Wert beschreibt eines: funktionierende Technik, die nicht ausfällt, sondern planmäßig aussortiert wird.
Ehrlich bleiben
- Die Verlängerung ist eine gute Nachricht. Bis Oktober 2027 ist Ruhe, sofern das Gerät angemeldet ist. Wer dir jetzt Eile einreden will, verkauft dir etwas.
- Copilot+ ist eine "Funktions-Stufe", kein absoluter Abschaltknopf. Ein Rechner ohne KI-Baustein wird (nocht) nicht unbrauchbar, er bekommt bestimmte Funktionen nicht. Die Stufe bestimmt trotzdem, was in Werbung und Beratung als „aktuell“ gilt.
- Linux ist nicht für jeden die Antwort. Wer auf bestimmte Branchenlösungen (SAP, CREO,...) , ein konkretes Steuerprogramm oder Spiele mit eigenem Schutzmechanismus angewiesen ist, prüft das vorher. Auch bei Linux endet nach 5-10 Jahren die Unterstützung einer Version – nur entscheidet dort in aller Regel die Hardware selbst, ob es weitergeht. Meist installiert man nämlich einfach die aktuelle Version auf das gleiche Gerät.
Was ich an deiner Stelle täte
- Nichts überstürzen – aber nachsehen, ob das Gerät für die verlängerten Sicherheitsupdates überhaupt angemeldet ist; zu sehen ist das in den Einstellungen unter „Windows Update“. Ohne Anmeldung nützt die neue Frist nichts.
- Nicht "die Liste" fragen, sondern das Gerät: Wie viel Arbeitsspeicher steckt drin, welcher Datenträger, was läuft alles mit.
- Wenn es die Anforderungen nicht erfüllt: erst herausfinden, was genau fehlt. Ein fehlendes TPM-Modul ist etwas anderes als ein verschlissenes Gerät – und für den ersten Fall gibt es Systeme, die dein Gerät nicht auf einer Liste nachschlagen.
Läuft mein Windows 10 nach Oktober 2027 einfach weiter?
Zum Schluss
Mich stört nicht, dass Software weiterentwickelt wird - das ist essenziell. Mich stört, dass die Lebensdauer eines Geräts, das jemandem gehört, per einseitiger Ankündigung festgelegt wird – und dass diese Ankündigung sich als beweglich herausstellt, sobald jemand mit öffentlichen Gewicht widerspricht. Ein Gerät, dessen Ende ein anderer terminiert, gehört einem nur halb. Es ist derselbe Gedanke wie beim Arbeitsspeicher: Die Frage ist selten, was ein Gerät kann. Die Frage ist, wer bestimmt, wann es das nicht mehr darf. Hier entscheidet das ein Kalendereintrag in Redmond – und der wurde gerade zum zweiten Mal verschoben.
Quellen
Stand dieses Artikels ist Juli 2026. Fristen und Anforderungen ändern sich – bei diesem Thema erwiesenermaßen. Wer das später liest, prüft besser nach. Die Ziffern im Text führen hierher:
- Bedingungen des ESU-Programms, Kontopflicht, Kritik der Verbraucherschützer und die 30 Millionen Windows-10-Rechner in Deutschland: Verbraucherzentrale.
- Verlängerung der Sicherheitsupdates bis 12. Oktober 2027, bekannt geworden am 25./26. Juni 2026: Bericht bei t-online und Borns IT-Blog.
- Nachträgliche Ergänzung der Prozessorliste 2021: Notebookcheck.
- Kritik der Sicherheitsforscher an „Recall“, Verschiebung und Überarbeitung 2024: Tagesspiegel und t3n.
- Anforderungen der Copilot+-Klasse nach Angaben von Microsoft: Zusammenfassung bei ITdaily.
- Vier-Gigabyte-Grenze bei FAT32 und die Anleitung zum Aufteilen der Abbild-Datei: Microsoft-Dokumentation.
- Deinstallations-Option für KI-Komponenten und Speicherbedarf von Phi Silica (knapp 2,6 GB), entdeckt im Juni 2026: PC-WELT und Winfuture.
- Der von Microsoft von 2021 bis Januar 2025 dokumentierte Registry-Eintrag zur Umgehung der TPM- und Prozessorprüfung und seine stillschweigende Entfernung: Deskmodder und Notebookcheck.
- Kostenpflichtige Windows-10-Updates für Firmen und Behörden bis Oktober 2028, mit jährlicher Verdopplung der Gebühren: ComputerBase.
- Supportlaufzeit von Windows 10 IoT Enterprise LTSC 2021 bis 13. Januar 2032: Microsoft-Lifecycle-Übersicht (englisch) und Überblick bei IP-Insider.
- Windows-Lizenzeinnahmen von Geräteherstellern +18 % im Quartal Juli–September 2025, begründet mit der Nachfrage vor dem Windows-10-Ende; Spartenumsatz 13,8 Mrd. $, Cloud 49,1 Mrd. $: Microsoft, Quartalsbericht 1. Quartal Geschäftsjahr 2026 (englisch).
- Folgequartale +1 % bzw. −2 % und Jahresumsatz 331,8 Mrd. $: Microsoft, 2. Quartal, 3. Quartal und Jahresabschluss Geschäftsjahr 2026 (englisch).
- App-Werbung im Empfehlungsbereich des Startmenüs seit April 2024, standardmäßig aktiviert: Techbook.
- Schätzung von PIRG und Consumer Reports (rund 40 Prozent): berichtet bei Computerwoche.
- Schätzung von Right to Repair Europe (400 Millionen Geräte, über 700 Millionen Kilogramm): berichtet bei Klimareporter.
- Schätzung von Canalys (bis zu 240 Millionen Geräte): berichtet bei connect.
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